< zurück

10. April 2020

„Der Bass muss warten“

– Annes Erfolgsgeschichte

Ein dunkelbrauner Kontrabass sollte die Hauptfigur dieses Textes sein. Das dicke Ding spielt mit mir mittlerweile in kleinen Jazz-Bands. Gerade hatte sich für mich ein schöner, neuer Horizont geöffnet – und dann gleich wieder zugezogen. Keine Proben mehr, keine Auftritte mehr. Corona.

Eigentlich die beste Zeit zu üben, Musiktheorie zu lernen, den kleinen Finger für die dicke E-Seite fit zu machen. Nur ist es so, als habe jemand die Kulissen ausgetauscht. Alltagskulisse raus, #flattenthecurve* rein. Beim Rausschieben ist der Kontrabass wohl mit rausgefahren, beim Reinschieben gab es eine Überdosis Nachrichtensalat. Tausend Perspektiven auf eine Wirklichkeit, die niemand wirklich versteht. Haben wir denn nichts anderes zu bieten als diese Wirklichkeit?

Doch, haben wir: Wir haben die Möglichkeit. Wir machen aus Möglichkeiten neue Wirklichkeiten. Wir sehen es doch überall im Netz: Menschen tanzen jeder für sich und doch zusammen. Ganze Orchester spielen online, Nachbarn musizieren auf Balkonen, Familien stellen in ihren Wohnzimmern Kunstwerke nach mit Kindern, Hunden, Gemüse. Überall, wo sich Wirklichkeitshorizonte zuziehen, kann der Mensch Möglichkeitsräume aufmachen. Hier zählt jeder in seiner wunderbaren, schrulligen, unvergleichlichen Einzigartigkeit. Jeder einzelne Mensch.

Ist nicht, frage ich mich jetzt, gerade diese seltsam aussichtslose Zeit die beste Zeit, einen völlig unpraktischen Kontrabass aus den Kulissen zu kramen? Könnte der dicke Bass in den letzten Zeilen dieses Textes nicht doch noch die Hauptrolle bekommen? Weil er, könnte ich schreiben, nicht nur ein Musikinstrument ist, sondern vor allem ein Mutmacher?

Ich glaube: nein. Weil es jetzt und hier bei mir auf ganz anderen Mut ankommt. Es gilt für mich jetzt, die kleinen Läden im Viertel zu unterstützen und den Obdachlosen Tüten an den Gabenzaun zu hängen. Es gilt für mich jetzt, bei allem gebotenen Abstand, auf die Menschen um mich herum zuzugehen und dabei etwas anderes zu sagen als „Dunkelziffer“. Es gilt für mich jetzt, viel Mut zu machen und ein wenig freundlichen Unfug, verlässlich zu sein, mit den Kindern das Chaos der Schul-Clouds zu ertragen, mit ihnen Kuchen zu backen und zu arbeiten, so gut es eben geht.

Was Erfolg heißt, das hat sich für mich verändert. Erfolg heißt jetzt Solidarität, Hoffnung, Liebe. Der dicke Bass muss jetzt nicht spielen, der muss erstmal warten.

 

 

#flattenthecurve*
„Flatten the curve“, also „Verflache die Kurve“, ist dabei als Aufforderung an eine Gesellschaft zu verstehen. Die soll alle Anstrengungen unternehmen, um einen zu schnellen Anstieg einer Viruserkrankung zu vermeiden. Durch eine Verflachung der Krankheitskurve soll die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrechterhalten bleiben.

Mach auch aus Deinem Wunsch eine Erfolgsgeschichte! Lass Dich inspirieren durch das APRIL Workbook!