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2. April 2018

„Wer den Busfahrer stört“

– Jennys Erfolgsgeschichte

Jeder Tag beginnt mit einer langen Fahrt zur Arbeit, die zwei Stunden andauert. Ich habe gerade mein Studium beendet und versuche, das halbe Jahr bis zum Masterstudium mit einem Agenturjob zu überbrücken. Ein Zustand, indem es irgendwie weitergeht, ich aber nicht ankomme – warten zwischen den Stühlen, ohne Sitzplatz. Ich bin nirgendwo heimisch, aber auch unangreifbar weil ich weiß, dass ich bald gehen werde. Wenn ich in den ersten Bus steige, sind die Täler noch in kalten, feuchten Morgendunst getaucht. Der Bus hält und die Kinder quetschen sich hinein auf der Suche nach einem der begehrten Sitzplätze. Ich habe das Gefühl, dass Schulkinder in einem Schulbus ihr Recht besser einfordern können als ich, und so lasse ich ihnen meist den Vortritt. In der Ferienzeit bin ich oft die einzige im Bus und ich genieße es, indem ich während der Fahrt noch kurz die Augen schließe. Was ich vergesse ist, dass der Busfahrer dann am frühen Morgen ganz allein mit sich ist und es verheerend wäre, wenn er die seinigen auch schließen würde. Wir unterhalten uns. Er redet ununterbrochen wie Roberto Benigni als Taxifahrer in »Night on Earth«, und ich bin der Priester. Mit dem Unterschied, dass er sehr genau merkt, wenn ich nicht mehr bei ihm bin.

Der zweite Bus ist vor allem besetzt für die Alten und Kranken. Wenn Fritzi kommt, stehe ich auf, damit er noch einen weiteren Platz hat, um seinen dicken Fuß hochzulegen. Manchmal komme ich mir dumm dabei vor, weil keiner versteht, warum ich das mache. Obwohl er kaum noch laufen kann, geht er immer noch zur Arbeit. Ich stelle mir vor, dass er der Einzige ist, der sich mit der alten Maschine noch auskennt und zu beharrlich und zu stur ist, sie aus der Hand zu geben. Der Busfahrer spielt seine Schlager und hat sich häuslich eingerichtet – einer von der gemütlichen Sorte. Damit schafft er eine Atmosphäre wie in einem dieser Heimatfilme, in denen nichts die makellose Schwarzwaldidylle stören kann.

In den dritten Bus steigen auch die Alleinerziehenden und einige wenige Berufstätige auf den Weg in die Stadt. Ich denke, es ist nicht üblich, in dieser Gegend mit dem Bus zu fahren. Wer kann, fährt mit dem Auto.

Im Bus ist man demjenigen ausgeliefert, der am Steuer sitzt. Es gibt Situationen, die so unerträglich werden, dass man sie um keinen Preis länger aushalten will.

Da ist er, der neue Busfahrer. Jeden Tag muss ich mit ihm nach Hause fahren. Jeden Tag frage ich mich, wie es sein kann, dass keiner etwas sagt. Heute habe ich mit vorgenommen, etwas zu unternehmen.

Wie immer lässt er die Fahrgäste nicht vorher einsteigen. Aussteigen lässt er sie nur aus einer Tür. Die Fahrgäste dürfen nicht telefonieren, keine Musik über ihre Kopfhörer hören, nicht laut reden oder lachen. Manchmal verändert er sogar die Sitzordnung. Wir dürfen nicht essen oder trinken. Es ist Hochsommer und ich rechne jeden Moment damit, dass wegen des Trinkverbots jemand zusammenklappt. Wer zu spät kommt, wird nicht mehr mitgenommen, wer seinen Fahrschein vergisst oder einen falschen hat, schon gar nicht. Der Umgangston ist herablassend, disziplinierend. Der Busfahrer ist sehr nervös, lässt sich schnell von seiner Umgebung verunsichern. Ob er wohl neu in dem Beruf ist? Er sieht noch jung aus und viel cooler, als er ist. Ich werde immer nervöser bei dem Gedanken, ihn zur Rede zu stellen. Obwohl ich früher aussteigen muss warte ich bis zur Endstation, dann ist niemand mehr da und er würde sein Gesicht nicht verlieren, vielleicht ehrlicher antworten. Ich warte ab. Der Bus ist leer. Ich zögere kurz, gehe dann doch zielgerichtet nach vorne und spreche ihn an. »Entschuldigen Sie, dürfte ich ich Sie mal was fragen?« »Ja, was denn?« »Warum sind Sie eigentlich so unfreundlich?« Er schaut mich entsetzt an. »Wieso unfreundlich?« »Sie nehmen den Leuten jegliche Freiheit, man kann ja froh sein, wenn man bei Ihnen überhaupt noch atmen darf.« Er beginnt mir zu erklären, dass, wenn er nicht so streng wäre, ihm die Leute auf der Nase herumtanzen würden. Ich erzähle ihm von meiner Beobachtung, dass er viel zu angespannt ist und dass kein anderer Busfahrer sich so verhalten würde. Ich frage ihn, ob er denn mit dem glücklich sei, was er da tut. »Darüber habe ich noch nie nachgedacht…ich werde darüber nachdenken.« »Tun Sie das«, sage ich und steige aus dem Bus.

Nichts, was ich je getan habe, kam mir so surreal vor wie das, was ich in diesem Moment zu diesem Busfahrer gesagt habe. Als Kind hatte ich mal einen Klartraum, in dem ich wusste, dass ich träume und nach eigenem Entschluss handeln konnte. Also habe ich in meinem Traum allen das gesagt, was ich ihnen eigentlich sagen wollte – mir konnte ja nichts passieren.

Am nächsten Tag mache ich mir Sorgen, was er wohl sagen wird, wenn er mich sieht. Zu meiner Überraschung schenkt er heute jedem Fahrgast einen Werthers Echte Bonbon, wie der nette Onkel aus der Werbung. »Ich habe lange über das nachgedacht, was Du mit gestern gesagt hast.« Er beginnt ein sehr persönliches Gespräch darüber, was ihn täglich belastet.

Jedes Mal, wenn ich jetzt den Bus betrete fragt er mich, halb scherzhaft, halb ernst, ob er so alles gut macht. Ich sage ihm dann nur, dass ich direkt hinter ihm sitze und ihn beobachte.

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